Was ist Koordinationstraining und was sind koordinative Fähigkeiten im Kindersport?

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Gerne wird in der Praxis, insbesondere im Jugendsportbereich über die hohe Relevanz eines Koordinationstrainings gesprochen. Allerdings herrscht eine gewisse Unsicherheit über die Bedeutung des Begriffs Koordination oder der koordinativen Fähigkeiten.

Stellen wir als Trainer die Koordinationsleiter auf, weil es die anderen Trainer auch so machen, oder möchten wir durch bestimmte Übungen gezielt koordinative Fähigkeiten fördern?

Worum geht es im Koordinationstraining? Ist es nur für Fußball und Handball gedacht?

Beim Koordinationstraining arbeitet man entweder in Richtung Fähigkeitstraining (allgemeine Bewegungsaufgaben) oder in Richtung Fertigkeitstraining (sportartspezifische Bewegungsaufgaben). Im Trainingsalltag trainiert man immer gleichzeitig Fertigkeiten und Fähigkeiten.

Das Koordinationstraining muss im Vorschulalter (4 bis 7 Jahre) sehr allgemein ausgelegt werden.
Je leistungsorientierter der Sport später betrieben wird, desto stärker wird das Koordinationstrainig auf die Sportart ausgelegt sein.

Nichtsdestotrotz sollte auf allgemeine, also sportartunspezifische, Übungen auf keinem Leistungsniveau verzichtet werden.
Dabei muss das allgemeine Koordinationstraining allerdings auf Bewegungsaufgaben fokussiert werden, mit denen der Sportler wahrscheinlich konfrontiert sein wird.

Durch die unten stehende Grafik wird deutlich, woraus sportliche Leistung besteht und wie unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten miteinander in Verbindung stehen.

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Was sind koordinative Fähigkeiten und warum sind sie so wichtig?

Koordinative Basisfähigkeiten sind verfestigt und allgemein, also Sportart unspezifisch. Diese Fähigkeiten sind auf alle Sportarten übertragbar. Sie sind deshalb für alle Sportler wichtig, weil sie in jede Bewegungshandlung mit einfließen und dadurch sehr variabel einsetzbar sind.

Diese Fähigkeiten sind wichtig für den Sportler, um koordinative Fertigkeiten (sportartspezifisch) schneller zu erlernen. Außerdem erleichtern diese Fähigkeiten Umlernprozesse und erhöhen die Bewegungsökonomie.

Welche koordinativen Fähigkeiten gibt es?

Es gibt viele unterschiedliche Lehrbücher, in denen unterschiedliche koordinative Basisfähigkeiten beschrieben sind. Fakt ist auch, dass es viele davon gibt. Zu den wichtigsten gehören in Anlehnung an Neumaier (2009) folgende:

Gleichgewicht

Ist eine sensomotorische Fähigkeit, also durch einen Sensor (den Vestibularapparat, welches sich im Ohr befindet) und durch Muskeln gesteuert. Ziel dieser Fähigkeit ist es, einen Gleichgewichtszustand in Haltung oder Bewegung (statisch oder dynamisch) zu erreichen und aufrecht zu erhalten.

Kinästhetisch-propriozeptive Differenzierung

Darunter versteht man die Fähigkeit, unterschiedliche Bewegungshandlungen mit großer Genauigkeit und Ökonomie durchzuführen. Mit zunehmender Qualitätsverbesserung bleiben unrunde und verkrampfte Bewegungsausführungen aus. Man nimmt mit dieser Fähigkeit geringfügige Veränderungen von Muskelspannungen, Druck oder Gelenkswinkel wahr.

Außerdem zeichnet sich diese Fähigkeit, durch eine hohe Feinabstimmung einzelner Bewegungsphasen und Teilkörperbwegungen aus. Man spricht hier auch von der Kopplungsfähigkeit.

Rhythmus

Ist die Fähigkeit, einen vorgegebenen Rhythmus zu erfassen und motorisch zu reproduzieren.

Antizipation

Man ist durch diese Fähigkeit in der Lage Ergebnisse, durch die Wahrnehmung spezifischer Informationen (im Sport vor allem visuelle) von fremden Geräten oder Bewegungen vorherzusagen.

Räumliche Orientierung

Fähigkeit zur Bestimmung und Veränderung der Lage und Bewegungen des Körpers in Raum und Zeit, bezogen auf ein definiertes Aktionsfeld (Spielfeld; Turngerät) und/oder ein sich bewegendes Objekt (Ball, Gegner, Partner)

Timing

Rechtzeitiges, zeitlich präzise reguliertes Handeln als Ausdruck für eine richtige optisch-motorische „Berechnung“ von Bewegungshandlungen. Sportspiele: Umgang mit Bällen

Anbei ein Beispiel, in dem die kooordinativen Fähigkeiten des Sportlers zum Ausdruck kommen.

Der Spieler in dem Video nimmt in weniger als einer Sekunde alle wichtigen Informationen wahr und nutzt diese, um ein Tor unter schwierigen Bedingungen zu erzielen.
Er sieht z.B. die Fußgelenkstellung des Partners & Flugkurve des Balles (Antizipation), um vorherzusagen, wo (Orientierung) sich der Ball zu einem bestimmten Zeitpunkt (Timing) befinden wird, damit er aktiv auf diesen zugehen kann. Sein Handeln ist also rechtzeitig und zeitlich präzise.
Er steht fest auf seinen Beinen (Gleichgewicht) und positioniert den Kopf so (kinästhetisch-propriozeptive Differenzierung), dass er den Ball möglichst mit dem oberen Bereich der Stirn trifft.

Was sind Druckbedingungen?

Druckbedingungen erlauben uns den Schwierigkeitsgrad von unterschiedlichen Bewegungsaufgaben zu beurteilen und zu bestimmen.

Welche Druckbedingungen gibt es und wodurch zeichnen sie sich aus?

Präzisionsdruck

Hier stellen sich 2 Fragen:
1. Führt der Sportler eine Bewegung genau/präzise durch?
2. Ist seine Präzision konstant oder variabel?

Zeitdruck

Hier geht es darum, innerhalb der verfügbaren Zeit eine Bewegungsgeschwindigkeit zu erreichen, um die Bewegungsaufgabe zu absolvieren.
Insbesondere sind hier 2 Punkte wichtig:
1. Reaktionsschnelligkeit – wie schnell reagiert ein Sportler auf einen Reiz?
2. Aktionsschnelligkeit – wie schnell führt ein Sportler eine Bewegung durch?

Komplexitätsdruck

Hier geht es um Bewegungsmuster, die gleichzeitig (simultan) und/oder aufeinander folgend (sukzessiv) ablaufen.
Beispiel (simultan): Ich werfe zwei Bälle hoch und fange sie gleichzeitig.
Beispiel (sukzessiv): Ich fange einen Ball und spiele ihn anschließend ab.

Situationsdruck

Das sind Anforderungen an den Sportler hinsichtlich der Komplexität der Umgebungs- und Situationsbedingungen.
Hier kann beispielsweise eine Umgebung gleich bleibend oder variabel sein.
Außerdem kann die Situation durch eine hohe Anzahl an Umweltelementen (z.B. viele Mitspieler, Gegenspieler, Bälle, Ziele, Regeln etc.) komplex werden.

Belastungsdruck

Hier stellt sich die Frage, wie gut ich bestimmte Bewegungsaufgaben löse, wenn ich konditionell (z.B. bei Ermüdung) oder psychisch (z.B. bei Stress oder Angst) belastet bin.

Informationsaforderungen

Für alle koordinativen Aufgaben, bekommen wir von unterschiedlichen Systemen unseres Körpers Informationen.
Diese können optisch (durch das Auge), akustisch (durch das Ohr), taktil (durch das berühren), kinästhetisch (durch das spüren der Muskelspannung/Gelenkwinkel), vestibulär (durch das Gleichgewichtsorgan im Ohr).

Sollten koordinative Fähigkeiten isoliert trainiert werden?

Alle koordinativen Basisfähigkeiten dürfen im Sport nie einzeln betrachtet werden. Vielmehr geht es bei jeder Bewegung um das Zusammenspiel von all den oben genannten Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten werden also bei jeder Bewegung mehr oder minder eingesetzt und sollten deshalb niemals isoliert betrachtet werden.

Wann sollten die koordinativen Fähigkeiten trainiert werden?

Die unten stehende Grafik zeigt auf, wie stark ausgeprägt die koordinativen Fähigkeiten in den unterschiedlichen Altersbereichen sind.

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Deutlich zu erkennen ist, dass Kinder ab dem frühen bis zum späten Schulkindalter das größte Potenzial haben sich in ihren koordinativen Fähigkeiten zu verbessern (Kurve verläuft linear nach oben). Ab der Pubertät ist die Trainierbarkeit, also das Potenzial sich zu verbessern, sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen niedriger.

Zwischen 15 und 17 Jahren steigt die Trainierbarkeit wieder etwas an. Ein Erwachsener hat dagegen eine relativ geringe Trainerbarkeit in diesem Fähigkeitsbereich und kann sich durch ein Training der koordinativen Fähigkeiten nur schwierig verbessern (Roth, 2009).

Nach welchen Prinzipien sollten die koordinativen Fähigkeiten trainiert werden?

  1. Das Training sollte im ausgeruhten Zustand ausgeführt werden. Solche Prozesse können bei Ermüdung des zentralen Nervensystems, wie etwa nach einer anstrengenden Spieleinheit, nicht optimal geschult werden.
  2. Das Training der koordinativen Fähigkeiten sollte kontinuierlich durchgeführt werden.
  3. Es sollte so schwierig sein, dass der Sportler stets herausgefordert ist. Ist die Komplexität zu hoch/niedrig, führt das zu unerwünschten Über-/Unterforderungen.
    Hier können mithilfe der oben genannten Druckbedingungen optimale Reize gesetzt werden.
  4. Sorgen Sie für eine große Vielfalt an Koordinationsübungen. Sie müssen nicht das gesamte Setup oder neue Trainingsgeräte kaufen, damit sie das erreichen. Eine kleine Veränderung der Übung kann bereits einen neuen Reiz für das zentrale Nervensystem setzen.
  5. Die Schulung erfolgt im Optimalfall altersgemäß und frühzeitig (siehe Grafik oben)

Wie Sie solch ein Training in der Praxis umsetzen können, finden Sie hier

Quellen:
Weineck, J. (2004). Optimales Training: Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer
Berücksichtigung des Kindes- und Jugendtrainings. Balingen: Spitta Verlag GmbH & Co. KG.

Roth, K. & Roth, C. (2009). Entwicklung koordinativer Fähigkeiten. In J. Bauer, K. Bös, Conzelmann, A.
und R. Singer (Hrsg.). Handbuch motorische Entwicklung, 197-225. Schorndorf: Hofmann Verlag.

Mechling, H., Neumaier, A. (2009). Koordinatives Anforderungsprofil und Koordinationstraining. Köln: Strauß Verlag. 3.Auflage